Susan Pinker
Das Geschlechter-Paradox
Wenn Sie sich für Erklärungen und
theoretische Hintergründe interessieren, die das Phänomen Frau
und Mann ausleuchten, dann werden Sie Freude an diesem Buch
haben. Denn mit sehr viel Erfahrung und Tiefgang nähert sich die
Psychologin Susan Pinker einem Thema, das im Business Bereich zu
den Tabus gehört: der Unterschiedlichkeit zwischen Frauen und
Männern. Um es gleich vorweg zu sagen: das schließt eine
Gleichbehandlung bei der Bezahlung und den beruflichen
Aufstiegsmöglichkeiten in keiner Weise aus. Daher auch der
Titel: das Geschlechterparadox. D.h. Frauen und Männern sind in
sehr vielen Bereichen, die das Arbeitsleben angehen, gleich -
und daher geht es auch um gleiche Wahrnehmung und Behandlung.
Zugleich gibt es Verschiedenheit. Diese ist bei jeder Frau
individuell unterschiedlich ausgeprägt.
Diese Verschiedenheit hat etwas mit der biologischen Differenz,
mit Hormonen, mit der Funktionsweise des Gehirns und dem
Nervensystem insgesamt. Die Autorin analysiert sehr
differenziert, wie sich das in der Arbeitswelt auswirkt. Eine
zentrale Erkenntnis ist die, dass Männer polarer in ihren
Verteilungskurven sind, d.h. es gibt sehr viel mehr extrem
leistungsschwache und leistungsstarke Männer, als welche im
Mittelfeld. Frauen haben in den Fähigkeitsfeldern, die mit der
Wahrnehmung von Menschen zu tun haben, unausgebildet eine
stärkere und differenziertere Ausprägung ihrer Kompetenzen. D.h.
nicht, dass ein Mann nicht einfühlsam sein kann. Biologie
führt in der deutschen Diskussion oft zu einem Abwehrreflex. Das
wird jedoch weder der Realität noch diesem Buch gerecht, denn es
polarisiert gerade nicht, sondern ist sehr differenziert
recherchiert.
Das Verdienst der Autorin ist, dass sie das bei sehr vielen
Frauen vorhandene Phänomen der Unterschiede in der beruflichen
Motivation wissenschaftlich untersucht und in allgemein
verständlicher Sprache benennt. Dabei ist es zentral zu sehen:
Frauen sind in ihren Interessen keine homogene Gruppe. In dem
Wissen um Biologie wird oft übersehen, dass es eine sehr breite
Auffächerung darin gibt, wie sich diese Phänomene zeigen. Pinker
unterteilt in Bezug auf ihre berufliche Motivation Frauen in
drei große Gruppen. Die Zahlen, mit denen sie diese Unterteilung
belegt, stammen aus den USA. Doch auch nach neueren
Untersuchungen aus Deutschland ist die Gruppe zwei gerade unter
jungen Frauen die stärkste:
- die Frauen, die den Erfolg im
Beruf an erster Stelle setzten und daher in ihren
Lebensentwürfen und Motivationslagen von denen der Männer
kaum zu unterscheiden sind. Ca.20%
- die Frauen die sich nicht auf ein
Ziel focusieren, sondern ihren Lebenserfolg in der Umsetzung
ihrer beruflichen Kompetenzen in gleichwertiger Weise zu
ihren Wünschen nach Partner und Kindern sehen, also
mindestens zwei Ziele ständig in Balance zu halten suchen.
Ca.60%
- die Frauen, die sich vor allem
über ihren Erfolg in der Familienarbeit definieren und deren
berufliche Tätigkeit nachgeordnet und dem ersten Ziel
untergeordnet ist. Ca. 20%
Pinker benennt, sie begründet und
bewertet nicht. Sie gibt Informationen, was womit zusammenhängt,
und damit auch indirekt Möglichkeiten der Selbststeuerung. Die
Autorin ist Psychologin und Therapeutin und kennt daher aus
ihrer Praxis das, was sich auf der biologischen Grundlage an
Veränderungsmöglichkeiten erschließt - doch eben erst, wenn die
in der physischen Grundlage der Motivation und der Emotion
begründeten Antriebe erkannt und deren Steuerung erarbeitet
wird.
Das Buch ist vordergründig kein Ratgeber. Die Tipps ergeben sich
eher daraus, dass Sie sich einarbeiten, sich besser in Ihrer
Motivation verstehen. Ein Beispiel: nur die Gruppe eins liebt
den Wettkampf und Konkurrenz als Leistungsanreiz. Die Folge ist,
dass die Gruppe zwei, die beruflich ebenso ambitioniert ist und
zu der ebenso viele Karrierefrauen gehören, sich immer wieder
eigene Wege suchen muss, die Freude an der Arbeit zu erhalten
und sich gegen ein für sie anstrengendes Arbeitsklima zu wehren
und vor allem dagegen, für weniger leistungsstark gehalten zu
werden.
Am Ende des Buches sind viele
Beispiele aus der Praxis nochmals zusammengefasst, die Mut
machen. Sollten Sie sich der Gruppe zwei zuordnen, dann finden
Sie Bestärkung und Anregungen, Ihre hohe berufliche Motivation
auf „Ihre“ Weise, auf eine femininere Weise zum Erfolg zu
führen.
Rezension Barbara
Hofmann-Huber, 03/2009
Deutsche Verlags-Anstalt 2008, ISBN 978-3-421-04361-0, € 17,95